Oliver Polak - eine Analyse

In den letzten Tagen geistert eine Debatte durch die Medien, in der es mal wieder um die Frage geht, ab wann etwas beginnt Antisemitismus zu sein und bis wann es nur ein harmloser Witz ist. Opfer dieser absurden Debatte wurde diesmal der Fernsehmoderator Jan Böhmermann.
Der Autor und Comedian Oliver Polak behauptet, pünktlich zum Erscheinen seines neuen Buches, dass Jan Böhmermann in einem Sketch, der vor acht Jahren auf meinem Bühnenjubiläum gespielt wurde, unterschwellig antisemitische Klischees bedient habe. Zusammen mit Polak, Jan und Klaas Heufer Umlauf hatten wir diesen Sketch zwar bereits am Vortag besprochen und geprobt. Dazwischen gab es genug Gelegenheit sich zu äußern. Polak war in den Jahren danach auch mehrfach zu Gast in Böhmermanns TV Show. Er saß in meiner Radiosendung ,,Die Blaue Stunde".

Dennoch behauptet er nun in seinem Buch, nach wahrlich reiflicher Überlegung, dass der antisemitische Ton des Sketches für ihn unerträglich gewesen sei. Auch die Gespräche der Backstage Party, an denen Polak seinerzeit freudig teilnahm, sind Teil der Vorwürfe. Das klingt nicht nur abstrus, es ist ein Bärendienst für alle, die dieses Thema ernsthaft besprechen wollen. Abgesehen von den Umständen, unter denen dieser vermeintliche Skandal aufgedeckt wurde, stellen sich viele Fragen. Zunächst warum Oliver Polak, just zum Erscheinungsdatum seines aktuellen Buches und immerhin acht Jahre später, nachdem er selbst am Sketch beteiligt war, auf die Idee kommt, Jan Böhmermann und Klaas Heufer Umlauf und mich zu beschuldigen. Jan ist noch vor wenigen Wochen auf der ,,Unteilbar-Demo" gegen rechts mitgelaufen. (Polak übrigens nicht) Klaas engagiert sich seit Jahren für "EXIT-Deutschland", eine Bewegung für Aussteiger aus der rechten Szene. Jeder, der meine Arbeit verfolgt weiß, wo ich stehe. Ich habe in ehemaligen Konzentrationslagern vor überlebenden Häftlingen gelesen und war sechs Jahre lang mit Polizeischutz auf Tour, weil ich dafür von Nazis bedroht wurde.

Das Motto meines Programmes lautet nicht umsonst ,,Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung". Es ist eine bewusst gewählte Umkehrung der Verhältnisse. Es ist ein Statement gegen geheuchelte Political Correctness und all diejenigen, die ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zum oberflächlichen Fetisch gemacht haben.

Getreu dessen hatten sich zu meinem Bühnenjubiläum eine Reihe von befreundeten Kollegen eingefunden, die diese Idee von Toleranz durch gespielte Intoleranz persiflieren wollten. Es wurde quer durch alle Herkünfte, Ethnien und Geschlechter beleidigt und ad absurdum geführt. Dabei ging es nicht um den plumpen Witz auf Kosten der anderen, sondern um die nachwirkende Einigkeit, mit der wir diese Provokation vertraten. In meiner Arbeit geht es seit Anbeginn um die Ambivalenz moralischer Debatten. Dieser Abend sollte vor allem eine humoristische Antwort auf Thilo Sarrazins Buch ,,Deutschland schafft sich ab" sein. Ich hätte keinen der Beteiligten eingeladen, wenn darüber nicht absolutes Einverständnis existierte. Wer jetzt unsere Aussage absichtlich missversteht, der ist entweder nicht dazu in der Lage elementare Verständnisfragen zu bewältigen oder er verfolgt unlautere Absichten.

Ich habe diese Haltung schon oft erklärt und trotzdem wird sie immer noch hinterfragt. Hätte ich als Gastgeber des Abends keine Antwort darauf, wäre ich ein dummer Clown. Und deshalb stehe auch heute noch zu der Idee, dass Gleichwertigkeit erst dann entsteht, wenn auch das Opfer Recht hat, Täter zu sein, selbst wenn man damit manchmal die Grenze zur Verständlichkeit verwischt. Vor allem habe ich in den vergangenen 30 Jahren meines Bühnenlebens schon einige Menschen beleidigt. Muss ich nun befürchten von allen Randgruppen, die sich angesprochen fühlen im Nachhinein angezeigt oder bezichtigt zu werden?

Ich habe mich immer auf das Abstraktionsvermögen meiner Zuschauer verlassen. Jeder, der ein Theater betritt weiß, dass das was er sieht, nicht echt ist. Der Schauspieler spielt eine Rolle und er identifiziert sich mit ihr, damit der Zuschauer ihm glaubt, was er sagt. Mit dem Applaus endet diese Illusion. Ähnlich funktioniert es beim Kabarett. Jeder weiß, dass Kabarett von Ironie und Andeutungen lebt und dass der Kabarettist nicht immer unbedingt sagen muss, was er wirklich denkt. Wer das vorsätzlich missversteht, öffnet ein weites Feld von Anschuldigungen und Verdacht.

Was bringt Polak nun dazu, diesen höchst unkollegialen und absurden Vorwurf in die Welt zu setzen? Und vor allem, was bringt es seinem angeblichen Anliegen? Ich kenne Polak sehr gut. Er hat mich vor einigen Jahren darum gebeten, ihn bei seinen Programmen zu beraten. Wir haben uns darüber angefreundet und es gab keinerlei Zweifel daran, dass wir politisch ähnlich ticken. Vor allem teilten wir einen ähnlichen Humor. Auch für Polak gab es keine Tabus.

In letzter Zeit kam es jedoch immer häufiger vor, dass er versuchte durch besonders extreme und beleidigende Auftritte ins Gespräch zu kommen. Seine Haltung wurde immer unschärfer. Er bezeichnete Fußballer als Kinderficker, er trieb das Spiel mit den Tabus auf die Spitze. Sex mit Kindern, Masturbation vor Tieren, Behinderte oder Schwule wurden Ziel seiner plumpen Zoten. Bei der Verleihung des Grimme Preises gab es, nicht zu Unrecht, Kontroversen. Seine Sendung trägt den Untertitel: Gast oder Spast.

Aber Polak kümmert das ebenso wenig, wie seine einseitig empfindlichen Fürsprecher. Sein Jüdischsein wurde dabei mehr und mehr zum einzigen Schutzschild für zahlreiche peinliche Ausfälle, während der erwünschte Durchbruch ausblieb. Im Gegensatz zu seiner Feuilletonprominenz, blieben seine Vorstellungen weitgehend leer.

Polak, der gerne mit seinen einflussreichen Beziehungen zu Medien und Künstlern prahlt, drohte immer häufiger auch mit Skandalen und Vergeltung gegen Kollegen, die ihm unliebsam erschienen. Er wurde zunehmend neidischer auf den Erfolg anderer. Jeder konnte plötzlich in sein Schussfeld geraten. Das Ganze hatte etwas Wahnhaftes.

Ich habe mich irgendwann davon distanziert, weil mir dieses denunziatorische Verhalten nicht nur immer unangenehmer, sondern auch immer unberechenbarer wurde. Auch das Ausspielen der Minderheitenkarte wurde immer inflationärer. Polak konnte nicht oft genug betonen, welch elitäre Stellung er selbst seiner scheinbar exponierten Herkunft gab. Er benannte Bücher und Programme danach. ,,Ich darf das, ich bin Jude". Polak wurde zum Vorzeigejuden, der er niemals sein wollte.

Nun muss man dazu sagen, dass Polak angeblich keine Namen nennt, auch wenn die Situation, die er beschreibt, so deutlich zu erkennen ist, dass es keiner großen Recherche bedurfte, um herauszufinden, um wen es sich bei dem angeblichen Komplott gegen ihn handeln sollte.

Ausgerechnet Stefan Niggemeier machte sich zum Scharfrichter einer verwegenen Kampagne gegen unsichtbare Mächte und übernahm für Polak die Rolle eines Inquisitus Diaboli. Niggemeier, der sich selbst Medienjournalist schimpft, hat mehrfach schon gezeigt, dass er den Unterschied zwischen Fiktion und Realität nicht zu kennen scheint. Schon Jahre zuvor schrieb er über eines meiner Programme und einem damit verbundenen TV Auftritt, dass die Grenze zwischen der tatsächlichen Darstellung und der Aussage meiner Rolle nicht mehr zu erkennen sei und konstruierte daraus einen Homophobie Vorwurf. Abgesehen davon, dass sein Vorgehen durchaus fragwürdige Züge hatte, er hatte kein einziges Mal mit mir darüber gesprochen, ist das Ganze auch so, als würde man einen Schauspieler, der einen Mörder spielt, eines tatsächlichen Verbrechens bezichtigen. Diese Behauptung ist ungeheuerlich, zumal sie von jemandem kommt, der eigentlich mit dem Metier der Satire vertraut sein müsste.

Polak selbst setzt durchgehend auf die missverständliche Vielschichtigkeit seiner Aussagen. Niggemeier ignoriert dies und behauptet nun, dass diese Trennung im vorliegenden Sketch nicht mehr vorhanden gewesen sei und verläuft sich in eine abenteuerliche These. Die Beteiligten hätten weder das moralische Recht sich derart zu gerieren, noch wäre es frei von Verdacht, weil es eine Rolle spiele, wer den Witz mache. Eine Fortführung des polakschen ,,Ich darf das" Prinzips.

Der tatsächliche Antisemitismus liegt jedoch nicht darin, dass man seinen Kollegen vorwirft, Antisemiten zu sein, obwohl man selbst daran beteiligt war die Nummer zu schreiben, sondern er liegt darin, dass man im Nachhinein das Wort Jude, obwohl es in diesen Sketch noch nicht einmal ausgesprochen wurde, so negativ konnotiert, dass erst daraus eine skandalöse Situation entsteht. Polak fliegt am Ende des Sketches raus, nicht weil er Jude, sondern obwohl er Jude ist. Mithilfe einer undifferenzierten Berichterstattung entsteht dadurch ein Skandal, bei dem sich niemand um die Umstände kümmert und noch nicht einmal fragt, ob es nicht andere Dinge gibt, die dringender zu besprechen wären.

Stattdessen bleibt der Vorwurf an Jan Böhmermann hängen und er wird ihn wahrscheinlich in den nächsten Jahren auch verfolgen. Ich selbst habe lange Jahre auf der Bühne gestanden im Kampf gegen rechts und ich habe am eigenen Leib erfahren, dass die politischen Freunde nicht immer von den Feinden zu unterscheiden sind.

Das Schlimmste aber daran ist, dass diejenigen, die man auf seiner Seite wähnt, manchmal aus Eigennutz die Grenzen überschreiten, die sie anderen setzen. Ich kann bedingt nachvollziehen, dass wenn man ein Produkt vermarkten will, dafür in Kauf nimmt, wissentlich Unwahrheiten zu verbreiten. Ich kann aber nicht verstehen, dass man dabei so weit über die Grenze geht und anderen Menschen schadet, ohne dass sie es wirklich verdient hätten. Ich wünsche mir, dass sich die Beteiligten noch einmal ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie mit ihrem Vorgehen ihrem Anliegen wirklich genutzt haben. Denn diese Debatte ist durchschaubar und willkürlich und sie entbehrt jeglicher glaubwürdigen Substanz. Das nehme ich Polak und Niggemeier übel. Denn es gibt genug Menschen, die den Behauptungen Glauben schenken, ohne Details zu kennen.
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