"Wir brauchen konstruktiven Umgang und praktikable Lösungsvorschläge"

Serdar Somuncu über die aktuelle Lage der Kultur und seine Pläne für das Jahr 2021
Frage: Wie beurteilst du derzeit die Lage der Kultur? Gibt es Hoffnung auf eine Normalisierung nach der Pandemie?
Serdar: Ich fürchte leider, dass es schwer wird. Schon jetzt sind viele Künstler, Veranstalter, aber auch Dienstleister, die im Umfeld der Branche arbeiten in großer Existenznot bzw. pleite. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass viele Dinge, die wir vor Corona noch für selbstverständlich gehalten haben, nicht mehr existieren werden.
Frage: Was bedeutet das für die Qualität des Angebots?
Serdar: Das bedeutet, dass kommerzielle Angebote mehr werden und unabhängige Produktionen verschwinden. Der Markt wird sich auf das beschränken, was möglich ist und das wird am Ende das sein, was bezahlbar ist. Es wird lange dauern, bis wir uns davon erholen werden, wenn überhaupt.
Frage: Wie gehst du mit der Situation um?
Serdar: Ich versuche, so wie alle, das Beste daraus zu machen. Zum einen, indem ich meine Produkte und Programme online anbiete, zum anderen, indem ich versuche neue Formen der Präsentation zu entwickeln. Unsere Streaming Show "Allah Jahre wieder" war ein guter Anfang. Zukünftig wollen wir das regelmässig fortsetzen.
Frage: Kann man von Onlineverkäufen überleben? Wie kompensiert ihr den Ausfall im Live Geschäft? Schließlich wurde die GröHaZ Tour mit 30.000 verkauften Tickets bereits zweimal verschoben?
Serdar: Dieser Ausfall ist nicht nur ärgerlich für alle Beteiligten und vor allem auch für das Publikum, sondern er ist auch eine finanzielle Einbusse, die wir kaum ersetzen können. Zum Glück habe ich vor dem ersten Lockdown mein Programm aufgezeichnet und auch die Dokumentation "Innen/Aussen" fertiggestellt, so dass man beides jetzt downloaden kann. Natürlich habe ich keine Infrastruktur, wie große Unternehmen, die Werbung für ihre Produkte machen können. Mit den bisherigen Verkäufen und der Resonanz, können wir dennoch zufrieden sein. Vor allem, weil die Dokumentation auf vielen internationalen Filmfestivals erfolgreich läuft, haben wir allen Anlass stolz zu sein.
Frage: Du hast auch einen Moneypool eingerichtet, mit dem man deine Arbeit unterstützen kann. Hast du keine Befürchtungen als Bettler dazustehen?
Serdar: Nein, überhaupt nicht, denn ich weiß, dass Kultur immer davon lebt, dass Menschen sie unterstützen. Und es ist auf der einen Seite vielen ein Dorn im Auge, wenn sie von Gebühren finanziert wird oder durch Werbung und auf der anderen Seite soll es falsch sein, seinen Zuschauern freiwillig etwas an Unterstützung abzuverlangen: Wer davon ausgeht, dass Künstler umsonst arbeiten, der hat auch nicht verdient, dieses Angebot umsonst zu bekommen.
Frage: Auch euer Podcast "Schröder& Somuncu" läuft seit Januar wöchentlich. Ist das Angebot auf dem Markt nicht schon übersättigt?
Serdar: Das ist eine sehr berechtigte Frage und in der Tat habe ich lange darüber nachgedacht, ob wir die Frequenz erhöhen sollen. Letztendlich hat die Zusammenarbeit mit Florian den Ausschlag gegeben in den wöchentlichen Turnus zu wechseln, denn unsere Gespräche sind immer wieder sehr spannend und ergiebig und solange das so bleibt, machen wir weiter.
Frage: Wie siehst du die Perspektiven in den nächsten Monaten und was ist die Verantwortung der Politik:
Serdar: Ich wünsche mir vor allem, dass wir irgendwann heil aus dieser Pandemie rauskommen. Damit meine ich nicht nur die materielle, sondern auch die psychische Verfasssung. Wir sind verständlicherweise alle sehr angespannt und verunsichert. Es ist die Aufgabe, sowohl der Politik , als aber auch jedes einzelnen Ruhe zu bewahren und den Ärger über die Situation nicht auf Nebenschauplätze zu übertragen. Es bringt niemandem etwas, wenn wir uns beschimpfen und angreifen, sondern was wir jetzt brauchen, ist ein konstruktiver Umgang und praktikable Lösungsvorschläge,. Davon gibt es im Augenblick jedenfalls immer noch zu wenige.
21.01.2021

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