Wir brauchen mehr "egal" - Über die Unkultur des Shitstorms

Teilzeitjournalisten und Freizeitkolumnisten haben eine neue Beschäftigung gefunden: Sie erfinden Hashtags und Lynchkampagnen und lassen ihrer lustvollen Wut im Netz freien Lauf. Dabei arbeiten sie oft den falschen Kräften in die Hände und offenbaren ein seltsam rückständiges Verständnis der eigenen Toleranz gegenüber Sprache und Wirkung.
,,Die Sprache ist wie Raum und Zeit eine dem menschlichen Geist notwendige Anschauungsform, die uns die unsrer Fassungskraft fort und fort sich entziehenden Objekte dadurch näher bringt, daß sie sie bricht und zerbricht."
(Christian Friedrich Hebbel)


Sprache ist manchmal böse. Sie birgt Missverständnisse. Sie dient nicht nur zur freundlichen Kommunikation. Sie kann auch beleidigen und kränken. Sprache ist die Übersetzung unserer sozialen Kompetenz. Und sowohl uns selbst gegenüber, als auch den anderen gegenüber vermittelt Sprache, wie wir denken und fühlen.
Sprache ist aber auch ein variables Werkzeug, das Verständnis erfordert. Sie ist die Waffe des Intellekts, sie kann ironisch und zynisch sein, sie kann barbarisch klingen und oft auch hetzen. Sprache kann ein Konglomerat aus allem sein und wenn sie eindeutig ist, wird sie oft bedrohlich, obwohl die Eindeutigkeit nicht immer als Gefahr gesehen werden muss.

Wenn wir heute über unseren Umgang mit komplexen Meinungen und Ansichten sprechen, verschwenden und verlieren wir uns oft in hastigen Interpretationen des Unmittelbaren. Statt Absichten zu hinterfragen und zu verstehen, berufen wir uns dabei auf die konkrete Ebene unserer Empfindung und selten sehen wir, welche abstrakte Idee hinter der Aussage des anderen steht. Es scheint paradox: Je mehr sich unsere Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln, desto eingeschränkter scheinen wir in unserem Verständnis zu werden.

Manchmal überhöhen und missverstehen wir Sprache sogar absichtlich, um sie unserer eigenen Moral anzupassen und sie wiederum zu einem sekundären Werkzeug unserer Auffassung von richtig und falsch zu missbrauchen. So ist es mittlerweile der affektive Habitus einer Nomenklatur von Besserwissenden, den alleinigen Anspruch auf die Deutungshoheit vielschichtiger Ausdrucksformen und Begrifflichkeiten zu erheben, sie passend zu reduzieren und für eigennützige Kampagnen zu gebrauchen, die weder der Verständigung und dem Austausch, noch der Aufklärung dienen, sondern lediglich kurzzeitig die soziale Selbstbestätigung innerhalb der eigenen Blase vorantreiben.

Oft ist dabei die marktschreierische Antwort auf das Gegenüber eine viel entblößendere Darstellung der eigenen Intoleranz, als der Schaden, den das angeblich Missverständliche an der Toleranz anrichten kann. Aus der vermeintlichen Beleidigung wird eine kalkulierte und gekränkte Unfähigkeit, sich auf das scheinbar durchschaute Gegenüber einzulassen und sie mündet in ihrer trotzigen Reaktion, noch häufiger in persönlicher Diffamierung und Drohgebärden. Gleichzeitig entfernt es sich sich davon, den wahren Demagogen Konkurrenz zu bieten, indem sie als Antwort auf ihre Wirkung, den spielerischen Umgang mit Bedeutung an einen übertriebenen Anspruch aus Eindeutigkeit und ideologischer Treue überlässt.

Die daraus entstehende, verständnisstarre Empörung basiert meistens auf der Vervielfältigung oberflächlicher Kriterien und der Reduzierung auf neuralgische Einzelpunkte, sodass am Ende keinem der Beteiligten mehr klar ist, worin der eigentliche Mehrwert solcher selbstbefruchtenden Diskurse liegen soll.
Indem die Bedeutung von Begriffen und Wörtern so auf ein Mindestmaß an Verständnis trifft, sorgt sie auch dafür, dass die Analyse der Inhalte an der Reproduktion der erwartbaren Klischees von Zuordnung und Fehlinterpretation scheitert. Sprache wird zum kontaminierten Träger von vagen Behauptungen und die berechenbare Reaktion darauf nichts anderes, als ein Empören über die Orientierungslosigkeit der eigenen Auffassungsgabe. Das ist mehr als tragisch und in jedem antiken Drama besser besprochen, als in der heutigen öffentlichen Realität. Es ist der Offenbarungseid einer unaufgeschlossenen Gesellschaft von Meinungsmachern, die freiwillig in den Abgründen ihrer eigenen Denkmuster gefangen bleibt, solange sie die Rage ihrer Resonanz in Sturheit absorbieren kann. Eine zum Neospießertum mutierte Spartenempfindlichkeit, die in ihrer inflationären Erscheinung an ihrer eigenen Unglaubwürdigkeit erstickt, je mehr sie sich potenziert. Und erst, wenn auch der letzte seinen literarischen Senf dazu gegeben und sein altkluges Bäuerchen gemacht hat, ist der Spuk vorbei und der nächste Hash wird zum Hetztag.

Was aber können wir auf die Vielschichtigkeit der Sprache angewiesenen Wortarbeiter dagegen tun, dass wir in einem Zeitalter der absichtlich in Kauf genommenen Missverständnisse leben? Müssen wir wieder lernen gelassener zu sein, oder müssen wir um die Deutung unserer Aussagen in den offensiven Widerstand gegen die Vermarkter ihrer eigenen Images von Poltical Correctnes und künstlicher Echauffage treten? Oder müssen wir sogar gemeinsam lernen wieder egaler zu sein? Denn egal bedeutet gleich und nicht gleichgültig.
Erst, wenn wir zusammen lernen wieder ein Mindestmaß an Gelassenheit zu entwickeln und akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt, erst, wenn wir unterscheiden können, was bedrohlich daran ist, dass nicht alles was von unseren kollektiven Normen abweicht abwegig für unsere gemeinsamen Ideale ist, können wir auch unseren aufklärerischen Geist zielgerecht gegen die richten, die uns mit ihren Formulierungen in ihre ideologischen Fänge verwickeln.
Solange wir dies nicht können, bleiben wir uns selbst ausgeliefert und bewegen mit unserer Aufregung nichts weiter als die große Kugel der eigennützigen Ambiguität, die am Ende niemandem etwas bringt, außer denen, die uns in ihrer Debattentauglichkeit schon längst am rechten Rand überholt haben .

Serdar Somuncu

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27.09.2020

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